Es war kalt. Vielleicht gerade mal 2 Grad. Vera rannte, so schnell sie konnte.
Würde sie es noch rechtzeitig schaffen? „Ich kann so nicht mehr weiter leben!“, hatte Tobi ihr per SMS geschrieben.
Sie kam an dem großen Mehrfamilienhaus an, in dem Tobi wohnte. Auf ihr Klingeln reagierte niemand. Sie probierte es bei den Nachbarn. Einer drückte den Summer, worauf sich die Haustür öffnen ließ.
Vera stürmte hinauf in den zweiten Stock und hämmerte wie verrückt an Tobis Wohnungstür.
„Tu es nicht Tobi!“, rief sie durch die verschlossene Tür. Es kam keine Antwort.
Vera warf sich gegen die Tür, Tränen flossen über ihre Wangen.
Wie in Trance prallte Veras Schulter immer und immer wieder an die massive Holztür.
Nach endlos erscheinenden Minuten öffnete sich die Tür auf der gegenüberliegenden Seite des Flures. „Was ist denn los?“, fragte ein Mann mittleren Alters. „Mein Freund will sich umbringen!“, schluchzte Vera. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren stürmte der Mann auf die Tür zu. Vera sprang zur Seite. Mit einem gewaltigen Knall flog die Tür auf. Der Mann sank zu Boden und hielt sich die Schulter. Vera lief so schnell sie konnte in die Wohnung. Da lag er. Auf dem Wohnzimmerteppich. Tobi war schon blau angelaufen und neben ihm lag eine Schachtel Tabletten. Weinend schlang Vera ihre Arme um Tobi. „Ich habe den Rettungsdienst schon verständigt.“, sagte Tobis Nachbar. „Danke!“, drang es leise aus Veras Mund. Die Zeit schien wie in Zeitlupe abzulaufen. Tobis Atmung wurde von Sekunde zu Sekunde flacher. „Bleib’ hier Tobi!“, schrie Vera. Tobi verdrehte die Augen. Martinshörner. „Endlich!“, dachte Vera. Plötzlich spürte sie, wie Tobis Herz aufhörte zu schlagen. Vera ließ Tobi los und riss ihm das Hemd auf. „Du darfst nicht sterben!“, schrie sie. Vera schlug mit ihren Fäusten auf seinen Oberkörper ein. Sekunden später stand der Nachbar mit dem Rettungsdienst samt Notarzt in der Tür zum Wohnzimmer. Der Koffer flog neben Tobi auf den Teppich, Vera wurde unsanft vom Notarzt zur Seite gestoßen. Sie fand sich in den Armen des freundlichen Nachbarn wieder. Sie wollte wieder zu Tobi, doch sie wurde festgehalten. Wie in einem schlechten Traum sah Vera verschwommen, wie der Notarzt verzweifelt versuchte, ihren Freund zurück ins Leben zu holen. Vera rief immer wieder seinen Namen. Jedes mal klang es, als würde sie von immer weiter entfernt rufen. Das Bild verschwamm immer mehr, bis Vera schließlich das Bewusstsein verlor.