Draußen war es schon dunkel, als Ester ihren Laptop auf dem Küchentisch zuklappte. Draußen Stürmte es. Ester stand auf und ging in Richtung Tür. Als sie das Licht ausmachte, schrak sie zusammen. Für einen kurzen Moment dachte sie, ein paar leuchtende rote Augen im dunklen Küchenfenster gesehen zu haben. Da sie allein war überkam sie ein mulmiges Gefühl. Ester ging die Treppe hinauf in die obere Etage ihres kleinen Ferienhauses. Im kleinen Schlafzimmer nahm sie einen Morgenmantel aus ihrem Koffer. Es war kühl geworden im Haus und das, obwohl es heute Mittag draußen noch 25 Grad warm war. Ester ging wieder hinunter ins das kleine Wohnzimmer. Sie schaltete den Fernseher ein und machte es sich gemütlich. Es hatte angefangen zu regnen. Der Wind peitschte den Regen gegen die große Terrassentür neben dem Fernseher. Wieder schrak Ester zusammen, als das Licht flackerte und der Fernseher plötzlich kein Bild mehr hatte. Ester fühlte sich plötzlich ganz und gar nicht mehr wohl. Sie nahm sich ein Buch und fing an zu lesen. Es war ein sehr amüsantes Buch, so dass sie das Buch kurz nach unten legte um herzhaft zu lachen. Ihr Lachen verging ihr jedoch sofort, als sie die scheußlichen roten Augen wieder im Fenster erblickte. Ihr lief ein kalter Schauer über den Rücken. Die Augen waren wieder verschwunden. Ester lief zum Telefon im Flur. Die Leitung war tot. Sie nahm ihr Handy, aber in dem abgelegenen Waldstück, in dem sich ihr einsames Ferienhaus befand, hatte ihr Handy keinen Empfang. Draußen stürmte es immer heftiger. Ein klappern. Ester drehte sich zur Haustür und sah mit Entsetzen, wie jemand an der Türklinke rüttelte. Ein Fauchen war zu hören, grausiger als das einer Katze. Das Telefon klingelte. Mit zitternder Hand nahm Ester den Hörer ab. Es war niemand in der Leitung. Das Licht flackerte wieder. Plötzlich platzte die Glühbirne der Lampe im Flur. Kurz darauf die der Lampe im Wohnzimmer. Panisch rannte Ester nach oben ins Schlafzimmer. Aus ihrem Koffer kramte sie ihre Taschenlampe hervor. Sie hatte noch nie solche Angst gehabt. Ein klirren. Ester schoss sofort das Fenster der Terrassentür in den Kopf. Sie stand in der offenen Schlafzimmertür direkt am Ende der Treppe. „Wer ist da?“, rief sie mit angsterfüllter Stimme. „Ich bin nicht allein! Ich warne Sie!“ Es kam keine Antwort. Ester hatte nicht den Mut, die Treppe hinunter zu gehen, um nachzusehen. Sie musste an die leuchtenden roten Augen denken. Aus dem Flur im Erdgeschoss drangen dumpfe, langsame Schritte an ihr Ohr. Ein schwerfälliges Atmen war zu hören. „Oh Gott, es kommt immer näher.“, dachte Ester. Schnell trat sie zurück von der Treppe und verschloss die Schlafzimmertür. Mit großer Anstrengung schob sie den Massiven Schlafzimmerschrank vor die Tür. Ein Knarren. Das Ding hatte die Treppe erreicht. Ester fing an zu zittern. Langsam, aber unaufhaltsam schien das Ding die Stufen der alten Holztreppe zu erklimmen. Jede einzelne Stufe knarrte und ächzte unter dem scheinbar enormen Gewicht der Beine. Mit einem Schlag Stille. Ester lauschte. Minutenlang passierte nichts. Ester befürchtete das Schlimmste. Mit einem Mal ein markerschütterndes Heulen. Lauter und schrecklicher als das eines gequälten Hundes. Mit einem gewaltigen Gepolter sprang das Ding die restlichen Stufen bis zur Tür hinauf. Der Schrank wackelte. Das Ding kratzte wie wild an der Tür. Für einen kurzen Moment hörte es auf. Ein Brummen war zu vernehmen. Mit Anlauf rannte das Ding gegen die Tür. Die Tür gab nach, der Schrank stürzte um. Ester viel erschrocken rücklings auf ihr Bett. Die Glühbirne im Schlafzimmer zerplatzte augenblicklich und aus dem Treppenhaus starrten sie zwei leuchtend rote Augen an. Langsam kamen die Augen auf sie zu. Ester zog sich die Bettdecke über den Kopf und wartete, dass das Ding angriff. Das Ding blieb stehen. Ester zitterte vor Angst. Es passierte nichts. Es herrschte Totenstille im Zimmer. Als Ester gerade die Bettdecke wieder von ihrem Kopf nehmen wollte, bewegte sich das Ding wieder. Die Dielen knarrten unter dem Gewicht seiner Beine. Es näherte sich dem Bett. Ester spürte den stinkenden Atem an ihrem Ohr. Plötzlich ein wildes Hupen draußen vor dem Haus. Quietschende Reifen, Türen knallen. Das Ding zuckte zusammen und kehrte sich um. Draußen feuerte jemand Schüsse ab. Das Ding stürmte die Treppe hinunter und durchbrach mit einem lauten Knall die Haustür neben dem Treppenaufgang. Von draußen waren wieder Schüsse zu hören, Männerstimmen schrieen. Nach wenigen Minuten war es wieder still. Erneut hörte Ester Schritte auf der Treppe. Diesmal aber von einem wesentlich kleineren Lebewesen. „Sind sie in Ordnung?“, ertönte es von der Treppe. Völlig verstört nahm Ester die Decke beiseite. „Ja, ich bin in Ordnung.“, sagte sie verängstigt. Im Schein einer Taschenlampe erkannte sie einen Mann im Tarnanzug. „Wir haben die Bestie erledigt! Sie liegt draußen vor dem Haus!“, erklärte ihr der Mann. „Kommen Sie, wir fahren Sie in ein Krankenhaus.“, sagte der zweite Mann, der jetzt die Treppe hinauf kam. Ester stand vom Bett auf. Sie zog sich etwas Warmes an und packte einige Sachen in ihren Koffer. Dann folgte sie den beiden Männern nach unten. An der Schlafzimmertür befanden sich riesige Kratzspuren, die Stufen der Holztreppe waren geborsten. Sie musste aufpassen, dass sie nicht in einen der Splitter trat. Die Haustür war aus den Angeln gerissen. Vor dem Haus stand ein Geländewagen mit offenen Türen und laufendem Motor. Neben dem Wagen eine riesige Blutlache. „Verdammt! Wo ist es hin? Es war doch tot!?“, fragte plötzlich einer der beiden Männer. „Es muss uns gelinkt haben!“, sagte der andere Mann. „Wir werden es morgen suchen. Ganz weit kann es nicht gekommen sein bei der Blutmenge, die es verloren hat!“, sagte wieder der Mann im Tarnanzug und deutete auf die Blutspur, die vom Wagen weg führte. Die Männer warfen ihre Gewehre auf die Ladefläche es Geländewagens. Der Sturm hatte etwas nachgelassen und es regnete nicht mehr. Ester stieg mit den Männern in den Wagen. Beim Anfahren wurde der Wagen scheinbar von einer starken Windböe erfasst, so dass er für einen Moment stark wackelte. „Furchtbar dieser Sturm. Sie hatten Glück, dass wir gerade in der Nähe waren! Wir haben sein Geheul gehört und sind so schnell wir konnten hierher gefahren! Nicht auszudenken, was es mit Ihnen angestellt hätte!“, erklärte der Mann im Tarnanzug. Sie fuhren durch den Wald in Richtung Stadt. Ester hatte aufgehört zu zittern und fühlte sich sicher in den Händen der beiden Männer. Bis sie einen Blick in den Rückspiegel warf und die leuchtenden roten Augen auf der Ladefläche des Geländewagens erblickte.